Im Jahr 2014 stellte das erste MINT-Nachwuchsbarometer Schweiz fest, dass Jugendliche Technik und Naturwissenschaften zwar interessant finden, einen entsprechenden Beruf aber dennoch selten wählen. Die Akademien der Wissenschaften Schweiz und die SATW haben die Studie in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule FHNW nun aktualisiert – mit einem gemischten Befund: Trotz intensiver Förderbemühungen haben sich zentrale Muster strukturell wenig verändert. Doch die Daten zeigen auch neue Ansatzpunkte.
5118 Schüler:innen, Berufslernende, Studierende und Erwerbstätige wurden von Juni bis Dezember 2025 online befragt – auf Deutsch und Französisch, aus der ganzen Schweiz. Das generelle MINT-Interesse liegt im Mittel bei 5,8 von 10: ein Wert, der auf eine moderate, aber keine enthusiastische Haltung hindeutet. Männer sind generell stärker an MINT interessiert als Frauen und Personen mit MINT-Schwerpunkt deutlich stärker als jene ohne. Auf der Sekundarstufe I zeigen die Schüler:innen ohne MINT-Schwerpunkt das geringste Interesse aller befragten Gruppen. Dies ist ein Warnsignal, denn in diesem Alter werden Bildungsentscheide vorbereitet.
Die gute Nachricht ist: Sobald MINT in konkreten Kontexten vermittelt wird, wie etwa medizinische Anwendungen, Umweltschutz, neue Technologien und gesellschaftliche Herausforderungen, steigt das Interesse bei allen Geschlechtern deutlich an. Für Frauen sind dabei medizinische Anwendungen besonders ansprechend, für Männer neue Technologien und KI. Der Befund ist ein starkes Argument dafür, MINT-Inhalte weniger abstrakt und stärker alltags- und anwendungsbezogen zu kommunizieren.
«Die Daten bestätigen, was wir in der Praxis beobachten: Abstrakte Inhalte schrecken ab, konkrete Anwendungen begeistern. Das gilt für die Schule ebenso wie für die Berufskommunikation.»
Edith Schnapper, Leiterin Nachwuchsförderung bei der SATWBei Schülerinnen der Sekundarstufe II ist Biologie das beliebteste Fach überhaupt und ist zugleich das einzige MINT-Fach, das von ihnen positiver bewertet wird als von ihren männlichen Mitschülern. Informatik ist bei Schülerinnen auf beiden Sekundarstufen das unbeliebteste Fach. Bei Schülern der Sekundarstufe I hingegen gehören «Medien und Informatik», Mathematik und «Natur und Technik» zu den beliebteren Fächern; nur Sport und Englisch kommen noch besser an. Was positiv auffällt: «Natur und Technik» wird auf der Sekundarstufe I sowohl von Mädchen wie auch von Jungen etwa gleich gerne gemocht.
Zudem spielt die Lehrperson eine nachweislich wichtige Rolle: Schüler:innen, die sich von ihren MINT-Lehrpersonen wertgeschätzt und unterstützt fühlen, zeigen ein höheres MINT-Interesse und können sich eher vorstellen, später eine MINT-Laufbahn einzuschlagen. Ein MINT-Beruf ist dabei für alle Schüler:innen attraktiver als ein MINT-Studium und die Mehrheit möchte am Ende der Sekundarstufe I eine Berufslehre starten.
Eines der auffälligsten Resultate ist, dass Frauen ihre eigenen Kompetenzen in Mathematik, Informatik und Technik tiefer einschätzen als Männer. Am grössten ist der Unterschied in der technisch-praktischen Dimension. In den Naturwissenschaften liegen die Selbsteinschätzungen nahe beieinander und Frauen mit MINT-Schwerpunkt schätzen sich hier sogar am höchsten ein.
Dieses Muster zeigt sich bereits auf der Sekundarstufe I, wo Jungen ihre Kompetenzen in «Medien und Informatik» deutlich höher einschätzen als Mädchen. Der Bericht verweist darauf, dass sich Leistung und fachbezogenes Selbstkonzept gegenseitig verstärken können und dass Vorurteile wie «Mädchen sind schlechter in Mathematik» dazu beitragen können, dass Mädchen tatsächlich schlechtere Leistungen erbringen.
Wichtig ist aber die Differenzierung: Die detaillierte Analyse über fünf Kompetenzdimensionen zeigt, dass Frauen sich beim analytischen und kreativen Problemlösen im Mittel leicht kompetenter einschätzen als Männer. Eine Bewertung allein über die klassischen MINT-Disziplinen greift also zu kurz.
«Die Daten zeigen, dass Frauen ihre Stärken im Problemlösen durchaus erkennen, aber in den Bereichen Technik und Informatik nach wie vor von einem negativen Selbstbild geprägt sind. Hier müssen wir gezielter ansetzen und nicht nur Kompetenzen fördern, sondern auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.»
Susanne Metzger, Professorin für Naturwissenschaftsdidaktik an der PH FHNW und Leiterin der StudieDas wichtigste Kriterium bei der Berufswahl ist für alle das Interesse an den Inhalten, gefolgt von Einkommen und Karrierechancen, fachlicher Kompetenz sowie Vereinbarkeit mit Familie und Freizeit. Erwähnenswert ist zudem folgende Beobachtung: Anders als noch 2014 sind Einkommen und Karrierechancen für Männer nicht mehr grundsätzlich wichtiger als für Frauen. Der Unterschied scheint sich dadurch aufgelöst zu haben, dass diese Faktoren auch für Frauen wichtiger geworden sind.
Eltern bleiben die wichtigsten Einflusspersonen bei der Berufs- und Studienwahl – die Mutter sogar noch wichtiger als der Vater, ausser bei Schülern der Sekundarstufe II. Laut Nahtstellenbarometer (2025) – einer Studie des Umfrageinstituts GfS Bern – findet sich in der Berufswahl unter den Top Five der Schülerinnen kein einziger MINT-Beruf, während bei Schülern Polymechaniker, Informatiker und Elektroinstallateur vertreten sind. Ermutigend ist jedoch, dass von den Befragten mehr in MINT-Tätigkeiten einsteigen als daraus aussteigen und dass Erwerbstätige mit MINT-Schwerpunkt ihren Beruf eher wieder wählen würden als solche ohne.
Die Autorinnen Susanne Metzger und Laura Villardita (PH FHNW) leiten aus den Daten konkrete Empfehlungen ab:
«Die MINT-Förderung in der Schweiz hat vieles erreicht. Aber wir müssen koordinierter und konsequenter handeln. Es reicht nicht, gute Programme zu haben – sie müssen flächendeckend umgesetzt und in ihrer Wirkung überprüft werden.»
Dr. Marianne Bonvin, Geschäftsführerin der Akademien der Wissenschaften SchweizDas MINT-Nachwuchsbarometer Schweiz 2026 wurde von Susanne Metzger und Laura Villardita, Pädagogische Hochschule FHNW, im Auftrag der Akademien der Wissenschaften Schweiz erstellt und unter der Leitung der SATW im Rahmen des MINT-Mandats durchgeführt. Die Studie entstand in enger Abstimmung mit dem MINT-Stimmungsbarometer 2025 der ETH Zürich, das in einer repräsentativen Langzeitstudie Trends in der Wahrnehmung von MINT aufnimmt.