Wer verstehen will, warum Unternehmen heute so dringend nach Talenten suchen, muss zwei Dokumente nebeneinanderlegen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Das eine beschreibt die Arbeitswelt von morgen aus der Vogelperspektive: der Trendradar 2026 der Haufe Akademie, der 15 strategische Handlungsfelder für Organisationen analysiert und beschreibt, welche Kompetenzen in den nächsten Jahren gefragt sein werden. Das andere schaut dorthin, wo diese Kompetenzen entstehen oder eben nicht: das MINT-Nachwuchsbarometer Schweiz 2026 der Akademien der Wissenschaften Schweiz, das auf Basis von über 5'000 Befragungen untersucht, wie Schülerinnen und Schüler, Studierende und Erwerbstätige MINT wahrnehmen, welche Interessen sie entwickeln und wie sie ihre Berufs- und Studienwahl treffen. Zusammen erzählen die beiden Studien eine Geschichte über zwei Seiten derselben Medaille und über eine Lücke, die sich schon früh auftut.
Der Trendradar zeichnet ein klares Bild: Die Arbeitswelt verändert sich nicht entlang einer einzigen Achse, sondern unter gleichzeitigem Druck aus mehreren Richtungen. Künstliche Intelligenz, regulatorische Anforderungen, Cyberbedrohungen und strukturelle Volatilität stellen neue Anforderungen an Menschen in Organisationen. Besonders auffällig ist, was der Trendradar unter «Learning and Development» festhält: Laut dem World Economic Forum werden sich bis 2030 rund 39 Prozent der Kernkompetenzen auf dem Arbeitsmarkt verändern (Trendradar, S. 15, mit Verweis auf WEF 2025). Gefragt sind zunehmend «hybride Profile, die Fachwissen mit Lernfähigkeit, Daten- und Technologiekontext, regulatorischem Verständnis, systemischem Denken sowie sozialer und kommunikativer Kompetenz verbinden» (Trendradar, S. 5).
Was nach einer umfassenden Verschiebung der Kernkompetenzen klingt, beschreibt das Bildungswesen jedoch schon länger: So definiert das Nachwuchsbarometer «MINT-kompetent sein» als die Fähigkeit, «Probleme in realen Kontexten verstehen und lösen zu können», wobei auch die sogenannten 21st Century Skills zentral sind: Kreativität und Innovation, kritisches Denken, Kooperation und Kommunikation (Nachwuchsbarometer, S. 6). Eine Beschreibung, die sich mit den Anforderungen des Trendradars fast deckungsgleich liest.
Nirgends ist die Überschneidung der beiden Studien deutlicher als beim Thema Künstliche Intelligenz. Der Trendradar stuft «AI Strategy» als das dringlichste Handlungsfeld ein – es wandert von «Create» direkt in «Act», also in die Zone des unmittelbaren Handlungsbedarfs (Trendradar, S. 8). Die eigentliche Herausforderung liege nicht mehr im Einstieg in KI, sondern in der Skalierung, der Governance und der Fähigkeit, KI-Outputs kritisch zu bewerten statt unkritisch zu übernehmen (Trendradar, S. 12f.). Gefragt sei «Urteilsfähigkeit» und die Fähigkeit, Verantwortung in der Zusammenarbeit zwischen Mensch und System bewusst wahrzunehmen (Trendradar, S. 13).
Das Nachwuchsbarometer greift diesen Punkt ebenfalls auf: KI spiele «nicht nur im privaten, sondern auch im beruflichen Kontext eine zunehmend grosse Rolle», weshalb der kompetente Umgang mit KI «in immer mehr Bereichen wichtig» werde und damit auch die Förderung dieser Kompetenzen im Rahmen der MINT-Nachwuchsförderung (Nachwuchsbarometer, S. 6). Der Trendradar beschreibt das Ziel. Das Nachwuchsbarometer zeigt, wo der Weg dorthin beginnt: in Schulzimmern, in denen Jugendliche lernen, Probleme analytisch anzugehen, Daten zu interpretieren und sich eigenständig neue Inhalte anzueignen.
Beide Dokumente fördern auch Befunde zutage, die nachdenklich stimmen. Der Trendradar stellt unter «Global Talent Sourcing» fest, dass 74 Prozent der Arbeitgeber weltweit Schwierigkeiten haben, offene Stellen zu besetzen – ein Anteil, der sich seit 2014 mehr als verdoppelt hat (Trendradar, S. 51, mit Verweis auf ManpowerGroup 2025). Für die Schweiz bestätigt das Nachwuchsbarometer diesen Befund und präzisiert ihn: Trotz einzelner positiver Entwicklungen – etwa einem steigenden Anteil an MINT-Studienabschlüssen – bleibt der Mangel an spezialisierten Fachkräften, insbesondere in der Ingenieurtechnik und in einigen Sparten des Baubereichs, bestehen (Nachwuchsbarometer, S. 16, mit Verweis auf Adecco 2025).
Was der Trendradar an dieser Stelle jedoch nicht benennt, macht das Nachwuchsbarometer explizit: Ein erheblicher Teil dieses Fachkräftemangels hat einen Geschlechtereffekt (Nachwuchsbarometer, S. 24). Rund 80 Prozent der Befragten nennen Geschlechterstereotype als mögliche Ursache für den Mangel an MINT-Fachkräften, und etwa 90 Prozent sehen sie als Hauptgrund für den nach wie vor tiefen Frauenanteil in MINT-Berufen (Nachwuchsbarometer, S. 21f.). Nur jede zwölfte Schülerin im 9. Schuljahr strebt einen MINT-Beruf an – verglichen mit jedem vierten Schüler (Nachwuchsbarometer, S. 17, mit Verweis auf Jann & Hupka-Brunner 2020). Das ist kein Randproblem. Es ist eine strukturelle Ressourcenverschwendung in einer Zeit, in der Kompetenzen rar sind.
Weichenstellungen passieren früh. Da sind sich die beiden Studien einig. Der Trendradar betont zudem, dass Lernen kein einmaliger Akt mehr sein kann, sondern zur kontinuierlichen Haltung werden muss und dass Führungskräfte zunehmend als «Ermöglicher von Lernumgebungen» gefragt sind, die «Neugier, Reflexion, Experimentieren und gegenseitiges Lernen zulassen» (Trendradar, S. 16). Das Nachwuchsbarometer zeigt, dass diese Neugier keineswegs von selbst entsteht: Das generelle Interesse an MINT ist bei den Befragten «eher mittelmässig» (Mittelwert 5,8 auf einer Skala von 1 bis 10), wobei das Interesse an konkreten Kontexten und Anwendungen deutlich höher ausfällt (Nachwuchsbarometer, S. 12f.). Der Schluss liegt nahe: Wer MINT abstrakt vermittelt, verliert. Wer es mit echten Problemen verknüpft – mit Klimafragen, medizinischen Anwendungen, technologischen Entwicklungen –, gewinnt Aufmerksamkeit.
Lehrpersonen spielen also eine zentrale Rolle. Das Nachwuchsbarometer belegt denn auch, dass unterstützendes und wertschätzendes Verhalten von Lehrpersonen das generelle Interesse an MINT fördert und zu Entscheidungen für einen MINT-Bildungsweg beiträgt (Nachwuchsbarometer, S. 16). Es sind oft kleine Gesten, die den Unterschied machen.
Der Trendradar und das Nachwuchsbarometer sind aus verschiedenen Welten – Unternehmensberatung und Bildungsforschung. Doch wer sie gemeinsam liest, erkennt: Sie diagnostizieren dasselbe Problem aus verschiedenen Perspektiven. Die Arbeitswelt von morgen braucht Menschen, die analytisch denken, kommunizieren, lernen und sich anpassen können. Das Bildungssystem von heute hat die Aufgabe, genau diese Menschen heranzubilden, und zwar alle, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder sozioökonomischem Hintergrund.
Das MINT-Nachwuchsbarometer 2026 liefert dafür eine aktuelle empirische Grundlage, die nicht nur Bildungsverantwortliche, sondern auch Unternehmen, Berufsberatende und Eltern angeht. Denn der Fachkräftemangel von übermorgen wird durch Entscheidungen geprägt, die heute – oft in einem Schulzimmer, manchmal am Küchentisch – fallen.
Das MINT-Nachwuchsbarometer Schweiz 2026 wurde von Susanne Metzer und Laura Villardita, Pädagogische Hochschule FHNW, im Auftrag der Akademien der Wissenschaften Schweiz erstellt und unter der Leitung der SATW im Rahmen des MINT-Mandats durchgeführt. Die Studie entstand in enger Abstimmung mit dem MINT-Stimmungsbarometer 2025 der ETH Zürich, das in einer repräsentativen Langzeitstudie Trends in der Wahrnehmung von MINT aufnimmt.
| Rolle | Titel + Name |
|---|---|
| Text von | Esther Lombardini |
| Expertise | Tobias Schlegel, Edith Schnapper |