Bildungsbericht Schweiz 2026: Was die Daten für MINT-Förderung und Chancengerechtigkeit bedeuten

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Alle drei Jahre legt die Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung den Bildungsbericht Schweiz vor. Dieser bietet eine umfassende Bestandsaufnahme des gesamten Schweizer Bildungssystems von der Vorschule bis zur Weiterbildung. Der fünfte Bericht dieser Art wurde am 23. März 2026 publiziert und dient Bund und Kantonen als Wissensgrundlage für die Steuerung des Bildungswesens und die Formulierung gemeinsamer bildungspolitischer Ziele. Im Interview erklärt Edith Schnapper, Leiterin Nachwuchsförderung bei der SATW, was der Bericht für den MINT-Bereich zeigt und warum gezielte Förderung nur dann wirkt, wenn sie früh ansetzt, interaktiv gestaltet ist und strukturelle Barrieren berücksichtigt.

Edith Schnapper, Leiterin Nachwuchsförderung bei der SATW, setzt sich für eine strategische und wirkungsorientierte MINT-Förderung in der Schweiz ein.

Die wichtigsten Punkte auf einen Blick

  • Fachkräftemangel bleibt akut: Die Schweiz ist im MINT-Bereich weiterhin mit einem Mangel an Fachkräften konfrontiert. Es ist entscheidend, dass die Weichen für spätere Bildungs- und Berufsentscheidungen früh gestellt werden. Der Einfluss der Eltern auf Interessen, Selbstbild und Berufswahl ist dabei besonders prägend.
  • Frauen bleiben in MINT deutlich unterrepräsentiert: Obwohl Frauen an Hochschulen insgesamt die Mehrheit stellen, liegt ihr Anteil in vielen technischen Studiengängen unter 30 Prozent. Bei Professuren sinkt er auf unter 25 Prozent; dieses Phänomen ist als «Leaky Pipeline» bekannt. Der Frauenanteil nimmt mit jeder Karrierestufe ab.
  • Interaktive Formate wirken nachweislich: MINT-Veranstaltungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche ein entsprechendes Studium wählen – aber nur, wenn sie interaktiv gestaltet sind. Reine Informationsangebote zeigen deutlich weniger Wirkung. Die SATW-TecDays schneiden in der Wirkungsanalyse des Berichts gut ab.
  • Interessen sind sozial geprägt: Individuelle Präferenzen entstehen nicht im Vakuum, sondern werden durch soziale Normen, Erwartungen und Strukturen geformt. Das relativiert Erklärungen, die allein auf persönliche Unterschiede setzen.
  • Plädoyer für eine nationale Strategie: Der Bericht stärkt die Forderung nach einer kohärenten nationalen MINT-Bildungsstrategie mit besserer Koordination, aufeinander aufbauenden Initiativen und konsequenter Wirkungsmessung.

Frau Schnapper, was sind die zentralen Erkenntnisse des aktuellen Bildungsberichts im MINT-Bereich?

Die Schweiz ist im MINT-Bereich – also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – weiterhin mit einem Fachkräftemangel konfrontiert (s. Seite 172). Gleichzeitig verdeutlicht der Bericht, dass die Weichen für spätere Bildungs- und Berufsentscheidungen bereits früh gestellt werden. Dabei zeigt sich, dass der Einfluss der Eltern auf Interessen, Selbstbild und sowohl Fach- wie Berufswahl besonders stark ist (s. Seite 138). Interessant ist zudem die Erkenntnis, dass gezielte Fördermassnahmen durchaus wirken – unter bestimmten Bedingungen. Veranstaltungen zu MINT-Themen erhöhen nachweislich die Wahrscheinlichkeit, dass sich Jugendliche für ein entsprechendes Studium entscheiden. Dabei spieltdie Art der Vermittlung jedoch eine grosse Rolle: Interaktive Formate sind viel wirksamer als reine Informationsangebote. Die Wirkungsanalyse der SATW-TecDays in Zusammenarbeit mit dem KOF Institut der ETH Zürich ist im Bericht gut platziert (s. Seite 172) und zeigt deutlich, dass diese Formate die Studiumswahl der Schüler:innen massgeblich beeinflussen.

Frauen in MINT: Eine strukturelle Herausforderung

Wie zeigt sich die Situation konkret bei der Repräsentation von Frauen im MINT-Bereich?

Hier zeigt sich ein sehr konsistentes Muster über alle Bildungsstufen hinweg. Obwohl Frauen im Bildungssystem insgesamt gut vertreten sind – an Hochschulen stellen sie sogar die Mehrheit – sind sie in MINT-Fächern weiterhin deutlich unterrepräsentiert (s. Seite 166). So liegt der Frauenanteil in vielen technischen Studienrichtungen teilweise unter 30 Prozent. Diese Unterschiede beginnen früh und setzen sich bis in den Arbeitsmarkt fort. Besonders deutlich wird dies in der Wissenschaft: Während Frauen bei Studienabschlüssen noch stark vertreten sind, sinkt ihr Anteil bei Professuren auf unter 25 Prozent (s. S. 239). Das Phänomen wird «Leaky Pipeline» genannt: Der Frauenanteil nimmt mit jeder Karrierestufe in der Wissenschaft ab.

Welche Ursachen sieht der Bericht für diese Ungleichverteilung?

Die Ursachen sind vielfältig und greifen ineinander. Der Bildungsbericht legt dabei einen starken Fokus auf die individuelle Ebene, etwa auf Interessen, Denkstile oder persönliche Präferenzen. Gleichzeitig darf man diese individuelle Perspektive nicht isoliert betrachten. Interessen und Präferenzen sind keine rein «natürlichen» Gegebenheiten, sondern werden sozial geprägt und konstruiert. Genau das betont auch die Studie der Akademien der Wissenschaften Schweiz (2025), die aufzeigt, wie stark Bildungsentscheidungen durch soziale Normen, Erwartungen und Strukturen beeinflusst werden. Damit relativiert sich der Fokus auf individuelle Unterschiede.

Von der Diagnose zur Strategie

Welche konkreten Handlungsempfehlungen lassen sich daraus ableiten?

Es gibt drei entscheidende Hebel: Erstens ist eine frühzeitige MINT-Förderung in Kombination mit einer starken Studien- und Berufsberatung wichtig, die gezielt auch geschlechtsuntypische Wege aufzeigt und unterstützt. Zweitens sind interaktive, praxisnahe Lernformate gefragt, die nachhaltiges Interesse wecken und durch eine konsequente Evaluation und Wirkungsmessung ergänzt werden. Drittens müssen strukturelle Rahmenbedingungen verbessert werden, beispielsweise durch eine inklusivere Fachkultur, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die Sichtbarkeit weiblicher Vorbilder, um stereotype Rollenbilder aufzubrechen.

Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Botschaft des Berichts?

Der Bericht bestätigt für uns bei den Akademien damit klar die aktuelle Stossrichtung: Es braucht eine kohärente nationale MINT-Bildungsstrategie, eine bessere Koordination der zahlreichen Akteur:innen sowie aufeinander aufbauende statt isolierter Initiativen. Ebenso zentral ist die Frage der Qualität: Zwar existieren bereits viele Programme, doch ihre Wirkung bleibt oft unklar. Eine systematische Qualitätsentwicklung und insbesondere eine konsequente Wirkungsmessung sind entscheidend, um langfristig wirksame Massnahmen zu identifizieren und zu skalieren. Kurz gesagt: Der Bericht liefert nicht nur eine Diagnose, sondern unterstreicht auch die Notwendigkeit, die MINT-Förderung strategischer, vernetzter und evidenzbasierter zu denken – genau das Ziel der aktuellen Arbeiten der Akademien.

Den vollständigen Bildungsbericht Schweiz 2026 der SKBF kostenlos herunterladen oder als Buch bestellen: skbf-csre.ch/bildungsbericht

Zur MINT-Studie der Akademien der Wissenschaften Schweiz (Mai 2025): Schweizer MINT-Förderung stösst an Grenzen: Es braucht einen systemischen Ansatz – erarbeitet unter der Leitung der SATW im Auftrag des Parlaments.

Mitwirkende

Rolle Titel + Name
Text von Esther Lombardini
Expertise Edith Schnapper