Frau Schnapper, was sind die zentralen Erkenntnisse des aktuellen Bildungsberichts im MINT-Bereich?
Die Schweiz ist im MINT-Bereich – also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – weiterhin mit einem Fachkräftemangel konfrontiert (s. Seite 172). Gleichzeitig verdeutlicht der Bericht, dass die Weichen für spätere Bildungs- und Berufsentscheidungen bereits früh gestellt werden. Dabei zeigt sich, dass der Einfluss der Eltern auf Interessen, Selbstbild und sowohl Fach- wie Berufswahl besonders stark ist (s. Seite 138). Interessant ist zudem die Erkenntnis, dass gezielte Fördermassnahmen durchaus wirken – unter bestimmten Bedingungen. Veranstaltungen zu MINT-Themen erhöhen nachweislich die Wahrscheinlichkeit, dass sich Jugendliche für ein entsprechendes Studium entscheiden. Dabei spieltdie Art der Vermittlung jedoch eine grosse Rolle: Interaktive Formate sind viel wirksamer als reine Informationsangebote. Die Wirkungsanalyse der SATW-TecDays in Zusammenarbeit mit dem KOF Institut der ETH Zürich ist im Bericht gut platziert (s. Seite 172) und zeigt deutlich, dass diese Formate die Studiumswahl der Schüler:innen massgeblich beeinflussen.
Wie zeigt sich die Situation konkret bei der Repräsentation von Frauen im MINT-Bereich?
Hier zeigt sich ein sehr konsistentes Muster über alle Bildungsstufen hinweg. Obwohl Frauen im Bildungssystem insgesamt gut vertreten sind – an Hochschulen stellen sie sogar die Mehrheit – sind sie in MINT-Fächern weiterhin deutlich unterrepräsentiert (s. Seite 166). So liegt der Frauenanteil in vielen technischen Studienrichtungen teilweise unter 30 Prozent. Diese Unterschiede beginnen früh und setzen sich bis in den Arbeitsmarkt fort. Besonders deutlich wird dies in der Wissenschaft: Während Frauen bei Studienabschlüssen noch stark vertreten sind, sinkt ihr Anteil bei Professuren auf unter 25 Prozent (s. S. 239). Das Phänomen wird «Leaky Pipeline» genannt: Der Frauenanteil nimmt mit jeder Karrierestufe in der Wissenschaft ab.
Welche Ursachen sieht der Bericht für diese Ungleichverteilung?
Die Ursachen sind vielfältig und greifen ineinander. Der Bildungsbericht legt dabei einen starken Fokus auf die individuelle Ebene, etwa auf Interessen, Denkstile oder persönliche Präferenzen. Gleichzeitig darf man diese individuelle Perspektive nicht isoliert betrachten. Interessen und Präferenzen sind keine rein «natürlichen» Gegebenheiten, sondern werden sozial geprägt und konstruiert. Genau das betont auch die Studie der Akademien der Wissenschaften Schweiz (2025), die aufzeigt, wie stark Bildungsentscheidungen durch soziale Normen, Erwartungen und Strukturen beeinflusst werden. Damit relativiert sich der Fokus auf individuelle Unterschiede.
Welche konkreten Handlungsempfehlungen lassen sich daraus ableiten?
Es gibt drei entscheidende Hebel: Erstens ist eine frühzeitige MINT-Förderung in Kombination mit einer starken Studien- und Berufsberatung wichtig, die gezielt auch geschlechtsuntypische Wege aufzeigt und unterstützt. Zweitens sind interaktive, praxisnahe Lernformate gefragt, die nachhaltiges Interesse wecken und durch eine konsequente Evaluation und Wirkungsmessung ergänzt werden. Drittens müssen strukturelle Rahmenbedingungen verbessert werden, beispielsweise durch eine inklusivere Fachkultur, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die Sichtbarkeit weiblicher Vorbilder, um stereotype Rollenbilder aufzubrechen.
Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Botschaft des Berichts?
Der Bericht bestätigt für uns bei den Akademien damit klar die aktuelle Stossrichtung: Es braucht eine kohärente nationale MINT-Bildungsstrategie, eine bessere Koordination der zahlreichen Akteur:innen sowie aufeinander aufbauende statt isolierter Initiativen. Ebenso zentral ist die Frage der Qualität: Zwar existieren bereits viele Programme, doch ihre Wirkung bleibt oft unklar. Eine systematische Qualitätsentwicklung und insbesondere eine konsequente Wirkungsmessung sind entscheidend, um langfristig wirksame Massnahmen zu identifizieren und zu skalieren. Kurz gesagt: Der Bericht liefert nicht nur eine Diagnose, sondern unterstreicht auch die Notwendigkeit, die MINT-Förderung strategischer, vernetzter und evidenzbasierter zu denken – genau das Ziel der aktuellen Arbeiten der Akademien.
Den vollständigen Bildungsbericht Schweiz 2026 der SKBF kostenlos herunterladen oder als Buch bestellen: skbf-csre.ch/bildungsbericht
Zur MINT-Studie der Akademien der Wissenschaften Schweiz (Mai 2025): Schweizer MINT-Förderung stösst an Grenzen: Es braucht einen systemischen Ansatz – erarbeitet unter der Leitung der SATW im Auftrag des Parlaments.
| Rolle | Titel + Name |
|---|---|
| Text von | Esther Lombardini |
| Expertise | Edith Schnapper |